Inselgedichte

INSELHERZ

 Auch diese Insel hat ein Herz,
 das manchmal nicht ganz regelmässig schlägt.
Dann braucht es, wie auch jeder Mensch,
dass jemand da, der es mit Liebe pflegt.
Wer keine Rücksicht nimmt,
kann jetzt nur schaden.
Er sollte lieber heut schon gehn
und sollte besser in der Südsee baden.
Wie lang ? Das wird er dann schon sehn..
Kann sein, dass nun in ein, zwei Jahren
auch dort das Inselherz erkrankt
und alles das, was er schon hier erfahren
in Bali oder sonst wo angelangt.
Er wird dann weiter reisen müssen
auf Suche nach dem Paradies;
vielleicht wird er dann eines Tages wissen
Es war grad das, was er verliess.

KEIN VOGEL SINGT

Kleine Wölkchen - Sonnenstrahlen,
die auf den Wiesen Muster malen.
Vom leisen Windhauch leicht beschwingt
im Mandelbaum ein Vogel singt.
Er singt, weil er nach vielen Stunden
endlich ein Stückchen Welt gefunden,
 wo niemand ihn brutal vertreibt.
Er baut sein Nest, er singt und bleibt.
Doch eines Tag’s geschieht es wieder,
es lassen Menschen sich dort nieder,
woll’ n ihre Welt realisieren,
bau’n Häuser und urbanisieren.
Kleine Wölkchen -  Sonnenstrahlen,
die auf Fassaden Muster malen,
von hohen Mauern ganz umringt.
Kein Mandelbaum - kein Vogel singt

SEUFZER DER INSEL

Seit Ihr hier lebt
hab’ ich Euch reich beschenkt.
Nun wünsch ich mir,
dass Ihr an mich mal denkt.
An mich, der Ihr so vieles abverlangt.
Hab ich verdient, dass Ihr mir mit Zerstörung dankt ?
Begreift Ihr nicht, wie es inzwischen um mich steht?
Helft mir, dass es in Zukunft nicht so weiter geht,
dass ich vor lauter Trubel kaum noch atmen kann.
Ich bin nicht unzerbrechlich ! Denkt daran !
Lasst mir genügend Kraft und Raum für meine Felder.
Lasst mir die Meeresbuchten und die Pinienwälder
Von meiner Schönheit habt Ihr doch
schon viel zu viel genommen.
Soll’n Eure Kinder denn ein Inselwrack bekommen?
Ich fleh Euch an,
hört auf, mich wie ein Bauland zu behandeln,
meine Natur und Charme in Immobilien zu verwandeln,
die eines Tages leer und unbewohnt Geschichte schreiben.
Soll das von mir in Zukunft wirklich übrig bleiben?

Inselgedichte
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Vor fast einem halben Jahrhundert, landeten Petra und ich auf dem Flugplatz, ach was heisst Flugplatz, ein Flugplätzchen hatte damals Ibiza. Ein uriges Café-Restaurant mit blühenden Bouganvillas und Palmen war praktisch die Empfangshalle und nur wenige Meter von der Landebahn entfernt. Auf dieser Mittelmeerinsel wollten wir meine Eltern treffen, die aus Ostafrika kamen mit der Absicht, hier ein Grundstück für ihren Lebensabend zu suchen. Wir fanden es auch sehr bald. Eingebettet in einer Hügellandschaft mit Blick aufs Meer entdeckten wir ein uraltes Bauernhaus, allerdings schon seit hundert Jahren verwaist, mit teils offenen Dächern und zusammengefallenen Mauern. Das veranlasste die Verwandten und Freunde dazu, uns als völlig durchgeknallt und mit Tropenkoller behaftet zu betiteln, denn wer kauft schon einen solchen Steinhaufen !

Nun, der Steinhaufen mit seinen fast meterdicken Mauern steht immer noch und die Grosseltern fanden hier ein kleines Stück Afrika, da die rote Erde und der maurische Stil der weissen Häuser sie daran erinnerte. Es blieb gar nicht aus, dass die Insel mein Urlaubstraum wurde, dem Traum, auch einmal hier leben zu dürfen.
Es dauerte jedoch noch gute zehn Jahre, bis sich dieser Traum für mich erfüllte und voller Dankbarkeit schaue ich oft zu den Sternen, wo meine Eltern inzwischen die ewige Heimat gefunden haben.

Meine Inselgedichte sind überwiegend kritisch, fast schon Schimpfkanonaden über die gedankenlose Ausbeutung und Zerstörung eines kleinen Paradieses, der ich seit Jahren ohnmächtig zuschauen muss. Mein Anliegen ist, dass möglichst viele Menschen erkennen mögen, dass unsere Nachkommen keine urigen Plätze mehr auf der Welt finden werden, wenn wir es so weitertreiben. Und wenn Sie, liebe Besucher meiner Inselgedichte, mir dabei helfen, so habe ich schon etwas bewirkt. Deshalb auch hier ein grosses Dankeschön.

Ihre
ruth-ursula

NOSTALGIE

Verträumte Hügel und Olivenbäume,
dann riesengrosse Zwischenräume
mit Feldern und den Steinterrassen,
den Häusern, die zur Insel passen.
Landwege, Palmen, Mandelbäume
und nirgends Mauern oder Zäune.
Eiserne Täler, tiefe Schluchten,
urhafte Schönheit aller Buchten.
Die Feigenbäume dicht am Meer
mit Stränden, die fast menschenleer.
Schafherden mit dem Hirtenhund,
die Häuser weiss und nicht so bunt.
Bäuerinnen in den Trachten,
du winktest ihnen und sie lachten.
Das alles gibt’s nur noch zum Teil
und fragt man mich warum? Nun weil -
nichts auf dieser Welt so bleibt
wie es mal war und weitertreibt.

GROSSE SCHWÜLE

Das ist die Zeit, wo aus allen Ritzen
Bataillonen von Ameisen aufmarschieren,
als rasende Krümel über die Tische flitzen,
sich in Garten, Haus und überall amüsieren.

Das Wasser kommt warm aus allen Hähnen.
Man duscht und fängt gleich wieder an zu kleben,
das Haar ist stets feucht und hängt in Strähnen.
Da möchte man lieber als Eskimo leben.

Im August fühlt man sich nackt noch sehr bekleidet
tropft vor sich hin, wie nicht recht klug,
schleicht nur herum, schläft schlecht und leidet
und hat plötzlich vom südlichen Sommer genug.

WINTERLIED

Die Insel scheint zu schlafen,
sie ruht sich richtig aus.
Die Bäuerin mit ihren Schafen
zieht schon am Nachmittag nach Haus.

Verlassen die Boote im Hafen,
kein Schwimmer auf dem Meer.
Wo sich die Gäste trafen,
ist alles öd und leer.

Es krachen hohe Wellen
auf Felsen und Gestein
und an manchen Stellen,
kann es recht stürmisch sein.

Der Sturm fegt durch die Ritzen,
es knistert im Kamin
und über den Tannenspitzen
sieht man den Mond aufziehn.

Blumen blühn auf den Feldern,
es sieht nach Frühling aus.
Der Winter hier auf der Insel
macht mir partout nichts aus..

DIE SONNE WEINT

Ich mein, die Sonne müsste sich verstecken
wenn sie am Tag entdeckt was hier geschieht,
dass auf der Insel in den allerschönsten Ecken
Beton und Marmor grosse Kreise zieht.

So manchen Baum, den sie hier kannte,
sucht sie vergebens, da man ihn gefällt
und dort wo es im Sommer dann mal brannte,
stehn Luxushäuser aus der andren Welt.

Sie sucht auf Hügeln und in Schluchten
nach Schafen die dort friedlich grasen
und findet in den schönsten Buchten
Asphalt auf dem die Autos rasen.

Sie sucht was war und kann’s nicht finden.
Der Mensch in seiner Gier hat es verbaut.
Die Schönheit dieser Insel darf doch nicht verschwinden
denkt sie, wenn sie auf uns herunter schaut.

Kann sein, der Morgentau sind ihre Tränen,
obwohl sie uns am Tage fröhlich lacht,
doch wird sie nachts im All erwähnen,
was man hier aus der Insel macht. 
 

PARADIES IN TRÜMMERN
oder
GEMEINWOHL GEHT VOR EIGENWOHL

Mein kleines Haus. Von meinen Ahnen aufgebaut.
Ein kleiner Garten dessen Oelbaum auf die Hügel schaut.
Ein kleines Paradies, in dem mich niemand stört,
das schon seit fünfzig Jahren mir ganz allein gehört

Drei Katzen und ein Hund, sechs Hühner und ein Hahn.
Sie leben schon mit mir, seit ich nur denken kann.
Wenn ich des nachts zum Himmel und den Sternen blickte,
dankte ich Gott, dass er mir diese Heimat schickte.

Seit gestern aber, wenn ich zu den Sternen sehe,
ist da kein Dankeschön zum Himmel, denn ich flehe
in Ohnmacht traurig, dass man das, was mir gehört,
nicht einfach morgen schon total zerstört.

Vom Bauamt waren Leute hier und auch die Polizei
Fragten, warum ich gegen die geplante Strasse sei ?
Gemeinwohl, und das sollte ich mal nicht vergessen,
ginge nun mal vor ganz persönlichen Interessen.

Der Himmel schweigt, die Sterne, die so friedlich schienen,
sie starren ängstlich auf die Schaufelbagger und Maschinen,
die in der Dunkelheit vor meinem, heut noch, schönen Garten,
wie Ungeheuer bösartig, gefrässig auf den Abriss warten.

Sie werden niedermachen alles das, was ich besessen,
mit offnen Mäulern werden sie sich durch die Erde fressen.
Die alte Mauer, wo der Wiedehopf mit seinen Jungen wohnt,
das Igelnest, die Palmen, selbst der Rosenstock wird nicht geschont.

Versteckt im Laub der Bäume hier und da ein Vogelnest
mit junger Brut, die noch nicht flügge, sich noch füttern lässt.
Vor meinen Augen werden sie schon morgen alles demolieren.
Entmutigt werde ich auf einen Haufen Schutt und rote Erde stieren

Noch weiss ich nicht, wie ich den Anblick dann ertragen werde,
wenn nichts mehr bleibt, nur Trümmern und zerwühlte Erde.
Vielleicht werd ich in Wut und Ohnmacht laut zum Himmel schreien:
“ Hilf mir ! Ich kann und will, was man mir antut nicht verzeihen !”.

Inselgedichte
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